Ein philosophischer Leitfaden für stürmische Zeiten – Lektüre für Corona-Zeiten?

Massimo Pigliucci verfolgt mit seinen knapp 300 Seiten eine klare Zielsetzung: „Mein Bestreben war es, die antike Idee der Tugendethik mit ihrem Fokus auf Charakterentwicklung und dem Streben nach persönlicher Vortrefflichkeit – den Säulen, die laut diesem Denkgebäude unserem Leben Sinn verleihen – mit dem Aktuellsten zu verknüpfen, was uns Natur- und Sozialwissenschaften über die menschliche Natur zu sagen haben sowie über die Art und Weise, wie wir funktionieren, scheitern und lernen“ (S. 12).
Der Autor empfiehlt den Stoizismus als Orientierungspunkt, da er Hinweise gibt, wie wir unser Bestes geben. Ein wichtiger Grundsatz ist, „dass wir den Unterschied zwischen dem, was für uns beherrschbar ist, und dem, was wir nicht kontrollieren können, erkennen und ernst nehmen sollten – und unsere Anstrengungen auf Ersteres konzentrieren, statt sie auf Letzteres zu verschwenden“ (S. 11). Es geht darum, die „ataraxia“, die Gemütsruhe zu erreichen.
Loquenz Buchbesprechung Begehren Handeln Zustimmung

 

Die drei stoischen Disziplinen – Begehren, Handeln und Zustimmung

Die drei stoischen Disziplinen (Begehren, Handeln und Zustimmung) bilden dabei den Fahrplan durch diesen Band. Der Teil 1, das Begehren, beginnt mit dem Gelassenheitsgebet:
„Gott gebe mir die gelassene Gemütsruhe, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und immer die Weisheit, den Unterschied zu erkennen“ (S. 40).
Praktische Hinweise, wie dies zu erreichen ist, schöpft der Autor bei den Klassikern, hier z.B. Epiktet, der dies an dem Gefühl der Liebe, die sich naturgemäß immer auf einen Sterblichen (d.h. einen Menschen) bezieht, ausführt.

 

Das Handeln steht im Zentrum der Reflexion

Im Teil 2 steht das Handeln im Zentrum der Reflexion. Wie kann ich mich angemessen in der Welt verhalten? Ankerpunkt ist hier der persönliche Charakter, meine Tugend. Für die Ausbildung derselben trage ich die Verantwortung und kann diese nicht an Dritte delegieren. Vor einer vorschnellen Verurteilung der Taten anderer mag ein Gedankengang Platons zu schützen, nachdem keine Seele willentlich die Wahrheit verfehlt, sondern dieser Mensch das Falsch für die Wahrheit ansah. Oder mit Hannah Arendt, dass Menschen nicht absichtlich „Böses“ tun, sondern sie es aus „Unwissenheit“ tun. Die Rolle von Vorbildern und der Einfluss von Behinderungen und psychischen Erkrankungen runden diesen zweiten Teil ab.

 

Die Zustimmung

Der Disziplin der Zustimmung ist der Teil 3 gewidmet. Der Autor führt ihn mit Epiktet ein: „Ich muss einmal sterben. Wenn schon jetzt, dann sterbe ich eben. Wenn aber erst ein wenig später, dann frühstücke ich erst einmal, da es Zeit zum Frühstücken ist. Danach werde ich bereit sein zu sterben“ (Lehrgespräche I,1). Es geht für die antiken Stoiker darum, sich des Todes bewusst zu werden. Daraus haben sie eine eher ungewöhnliche Sicht auf den Tod entwickelt, die für den Autor auch fremd bleibt („Ich muss gestehen, dass ich mich anders als Epiktet mit diesem Thema eher schwertue, und der Gedanke ans Sterben hat mich immer sehr geplagt“ S. 163). Manchmal mögen Stoiker so wirken, als ob sie einen leichtfertigen Selbstmord befürworteten. Mit Epiktet gilt jedoch die Devise: „Haltet aus. Seid nicht so unvernünftig und geht“ (S. 177).

 

Das Büchlein wird mit 30 Seiten praktischer spiritueller Übungen abgeschlossen. Das sind 30 Seiten, bei denen sich nicht nur die Lektüre, sondern das praktische Erproben lohnt. Ein kleiner Anhang liefert einen Überblick über die hellenistischen Schulen der praxisnahen Philosophie.

 

Die Weisheit der Stoiker mag auf den ersten Blick und im Einstieg recht anspruchsvoll und abstrakt wirken. Das Buch erschließt sich jedoch mit der konkreten Lektüre und lädt am Ende zu außerordentlich praktischen Übungen ein. Eine Einladung, der man viele Leser*innen wünscht!
Begehren_Handeln_Zustimmung

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